In diesem Jahr wäre der deutsche Bildhauer und „Pionier des dezentralen Raums“ Erich Reusch 96 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass präsentiert kajetan Berlin in ihren neuen Räumlichkeiten in der Grolmanstraße 58 eine Gruppenausstellung von neun Positionen unterschiedlicher Generationen und Gattungen – Arbeiten von Reuschs Wegbegleitern, Freunden, Schülern und Kollegen, die als direkte und teils überraschende Kommentare seines künstlerischen Erbes lesbar sind. 2019 richtete die Galerie unter Reuschs Begleitung seine zu Lebzeiten letzte Einzelausstellung aus. Gemeinsam mit den teilnehmenden Künstlern und Künstlerinnen wird im Sinne des Medienexperimenteurs Reusch der Raum als das eigentliche Ereignis zu vermitteln gesucht.

 

Zeitlebens verrückte ERICH REUSCH die Grenzen der Kunstgattungen und ihre bis dato geltenden Logiken innerhalb des Raums. Der ausgebildete Architekt war der erste, der die Skulptur von ihrem Sockel löste und eine Bodenplastik konzipierte, die nur im Zusammenspiel mit der Umgebung funktioniert – die In Situ-Kunst war geboren. Die präsentierten Arbeiten seines Spätwerks bezeugen den konsequenten Umgang mit dem Raum als ein der Form und Farbe stets gleichwertiges Gestaltungselement. So ist es der Weißraum, der die zunächst unausgewogen scheinende Komposition der energisch bemalten Leinwände des Diptychons von 2019 zu einem harmonischen Gleichgewicht verhilft. Oder aber der Ausstellungsraum selbst, der als Gegenstück zu den unregelmässigen, scharfkantig gesägten und mitunter grell bemalten Wandobjekten aus Plexiglas fungiert. Sie markieren sowohl Begrenzung wie auch Öffnung des Raums und aktivieren ihn an ungeahnten Stellen. 

 

Bei ELISABETH VARYS Wandinstallation von 2009 zeigt sich die künstlerische Arbeit mit und an dem Raum erst auf den zweiten Blick. Mit seinen intensiven Farbkontrasten und mehrschichtigen Farbverläufen zieht der zweiteilige, geometrisch freie Körper aus Karton den Blick schnell auf sich und verrät sodann seinen asymmetrischen Aufbau. In seiner freien, von der Wand losgelösten Form am Boden würde der Farbkörper kippen. Sowohl die Farbe als auch der eigene Schattenwurf entfalten jedoch ein optisches Gewicht, das den Körper stabilisiert und dessen Raumgebundenheit unterstreicht. Mit wechselnder Perspektive blicken wir auf neue Formen und Gestalten.

 

Stärker aus dem Lot geraten erscheint uns die Kohlezeichnung Concrete Island (10063) von JAN WAWRZYNIAK, die in ihrer zurückgenommenen Form und Abwesenheit von Farbe sensibel auf den umgebenden Raum reagiert. Mit ihrer widersprüchlich scheinenden Ausführung – Kohle auf Leinwand, deren irregulärer Keilrahmen und geneigte Hängung ein gerade ausgerichtetes Motiv trägt – verweigert sich die Zeichnung einer Tiefenwirkung im Bild und so dem Darstellenden im Allgemeinen. Mittels weißer Grundierung fügt sie sich dezent in den Raum, während sie deutlich mit unseren Sehgewohnheiten bricht. Es ist das unstete und unbestimmte Moment, das hier seine Verbildlichung erfährt.

 

Einen ähnlich analytischen Umgang mit dem eigenen Ausdrucksmedium finden wir bei MARC GORONCY und seinem hochformatigen Wandbild SL 05. Die Arbeit besteht aus drei Natur-Leinwänden, in die in rhythmischer Abstufung horizontale Linien aus eingefärbten Stoffen gestickt sind. Obwohl Goroncy Volumen und eine räumliche Tiefe andeutet, entzieht er sich dem Verweis auf etwas, das außerhalb des Bildes liegt. Die Wiederholung des Musters in der Vertikalen und Horizontalen negiert eine bestimmte Leserichtung und führt auf sich selbst zurück. Klare, streng anmutende Strukturen sind durch die Handarbeit am Textil aufgeweicht. Es ist der eigene Entstehungsprozess und seine Aufbereitung für den (Ausstellungs-)Raum, den der Künstler uns in aller Deutlichkeit vermittelt. 

 

Die Beschäftigung mit Vertikalen und Horizontalen als die Raum und Perspektive bestimmenden Größen prägt auch die eigens für die Ausstellung konzipierte Arbeit Aufzählung von Reuschs ehemaliger Meisterschülerin MONIKA BRANDMEIER. Dezentral im Raum installiert und von drei Waagengewichten gestützt, dominiert ein Eisenstab in seiner Höhe und Materialität die trotz aller Nüchternheit dramaturgisch anmutende Situation. Seine Umgebung – der Raum selbst und die Abfolge von den in ihrer Ausdehnung industriell divers gefertigten Elemente – schafft ein Narrativ, das sich sowohl auf die Nähe und Distanz der Einzelstücke zueinander wie auch auf ihre unterschiedlichen negativen und positiven Formen stützt. Der Raum als konstitutives Element, das die Lesart künstlerischer Setzung erst bestimmt.

 

Das vertikale, erhabene Moment begegnet uns sodann bei GÜNTER UMBERG und dessen schwarzen Monochrom. Während das Großformat eine entfernte Position des Betrachters einfordert, verlockt die ungewohnt dichte Pigmentaufschichtung zunächst dazu, nah an den Bildträger zu treten. Gleichzeitig erlaubt es die sensible, fast pudrig scheinende Oberfläche nicht, einen bestimmten Abstand zum Werk zu unterschreiten. So entwickelt sich die Arbeit aus ihrem spezifischen Bezug zum Raum und dialogischen Verhältnis zum Betrachter, der zwischen Nähe und Distanz oszilliert. Sich dem Abbildenden radikal verweigernd, betont Umberg bereits in seinem Frühwerk den installativen Charakter seiner Malerei.

 

Anders als bei Umberg sucht die Arbeit WERNER HAYPETERS bewusst die Nähe des Betrachters. Das formreduzierte, streng geometrisch angelegte Wandobjekt scheint in seiner Farbigkeit den Raum zu erleuchten. Mit gelben, seitlich ausgerichteten Rechtecken aus gegossenem Epoxidharz innen und aufgetragener Acrylfarbe außen, lädt die Arbeit dazu ein, ihre komplexe Konstruktion aus nächster Nähe nachzuvollziehen. Haypeter verwendet ausschließlich industriell gefertigtes Material, das von Spuren seines künstlerischen Eingriffs durchzogen ist. Die so erzeugte Spannung verweist auf die eigenen Produktionsbedingungen in je unterschiedlichen sozialen Räumen.

 

Das Denken vom Raum aus prägte auch das plastische Schaffen NORBERT KRICKES und einte ihn mit Reusch, für den er in seiner Position als Direktor der Kunstakademie Düsseldorf den neuen Lehrstuhl „Integration Bildende Kunst und Architektur“ eingerichtet hatte. Seine freie Bodenskulptur Raumplastik Weiß 1975/21 ist aus zwei schlanken Stahlrohren geformt, die in rechten Winkeln den Raum strukturieren. Ein Rohr steigt vertikal aus dem Boden und verläuft horizontal zur Seite, um hier wieder abzuknicken und tief in den Raum hinein zu greifen. Je nach Standpunkt changieren Anfangs- und Endmoment der Plastik, sodass sie ausschließlich im Erleben von Raum fassbar wird. 

 

Wie wir selbst uns in und zu diesen verhalten, das erforscht die norwegische Künstlerin INGRID LØNNINGDAL, die ihre Arbeiten in Malerei, Zeichnung, Text und Textil aus dem Studium städtischer Architekturen heraus entwickelt. Ihr Beitrag zur Ausstellung ist eine kleinformatige Studie aus der fortlaufenden Serie Beat (Stressed/Unstressed). Schicht für Schicht baut Lønningdal mit Aquarellfarbe und Gouache langsam, auf nie vollständig durchgetrocknetem Papier geschlossene Kreise auf, die sich zunehmend farblich verdichten, die unteren Schichten jedoch durchscheinen lassen. Mittels changierender Farbqualitäten untersucht Lønningdal das Zusammenspiel sowie Effekte von Farbe und Raum.

 

Mit den vielfältigen künstlerischen Beiträgen versteht sich die Ausstellung als Hommage an den stets grenzüberschreitend am Raum arbeitenden Erich Reusch, dessen Œuvre bereits früh multimedial geprägt ist.

 

Eliza Grabarek

Erich has just left the building 

In Erinnerung an Erich Reusch

mit Arbeiten von:

Monika Brandmeier, Marc Goroncy, Werner Haypeter, Norbert Kricke,

Ingrid Lønningdal, Erich Reusch,

Günter Umberg, Elisabeth Vary,

Jan Wawrzyniak

17-09-2021 - 20-11-2021

kajetan Berlin

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